Bettina Cordes

 

Autorin und Hühnerversteherin


Als Kind war sie eine Leseratte. In Heidelberg geboren und aufgewachsen, war die örtliche Stadtbücherei ihre größte Fundgrube. Ein Buch, so erzählt sie, schaffte sie bis 17 Uhr in der Bücherei, sechs durfte sie mit nach Hause nehmen, und sie musste jedes Buch zweimal lesen, um die Woche lesend rum zu bringen. Bald hatte sie sich dreimal durch die Kinderbuchabteilung gelesen und durfte die Erwachsenenbücherei nutzen. Da las sie alles von Kafka bis zu Arbeitsanweisungen für Prostituierte.

Bei soviel Lesebegeisterung war die logische Folge, eines Tages selbst Bücher zu schreiben. Dabei half ihr teilweise ihr Bruder, der sicher auch dieses Lesegen in sich hat. Er war wohl der Temperamentvollere der Beiden, und Bettina Cordes erzählt, dass er gelegentlich während der Textarbeit aufsprang, dreimal um den Tisch rannte und rief: „Jetzt muss was passieren, eine Explosion, oder wir lassen gleich die ganze Welt untergehen.“ Das verpasste dann der Geschichte eine gewaltige Dynamik, was dem Interesse der Lehrer- und Zuhörerschaft sehr förderlich war.

 

Heute lebt Bettina Cordes in ländlicher Umgebung im Landkreis Rotenburg an der Wumme. Bald, so erzählt sie, wird es da auch lebendige Hühner geben, jede für sich eine kleine Persönlichkeit, so wie ihre Protagonisten in dem Hühnerroman, den sie gerade geschrieben hat, und aus dem wir hier Textpassagen vorstellen dürfen. 

 

 

 

Zum Inhalt:

 

Für Gustav, den Hahn, und Sigrun, seine Oberhenne, ist das Leben nicht ganz einfach, denn ein externer Investor will den ganzen und gesamten Bauernhof übernehmen und ihren Hühnerhof mit den anderen Hennen gleich mit. Damit droht eine Katastrophe, die sich nur durch verstärktes Eierlegen vermeiden lässt - eine scheinbar unmögliche Aufgabe für Hennen, die ihre Legepflichten ohnehin eher ungezwungen betrachten  und deren Leistung unter Druck nur noch mehr nachlässt.

 

Das Buch beschreibt das Leben des modernen Huhns auf einem kleinen Bauernhof, das mit täglichen Problemen konfrontiert wird, wie wir sie alle kennen: Von der Arbeitszeitverkürzung über das Burnout-Syndrom bis hin zu Erziehungsschwierigkeiten mit den Küken. Außerdem erfährt der Leser die ultimative Wahrheit über das Universum und den Sinn des Lebens.

 

Akustisch untermalt wird das Ganze von einem benachbarten Hahn, der Mozart-Arien singt und mit Gustavs Hennen flirtet, dabei die etablierte Ordnung im Hühnerhof gefährdet und ein ziemliches Chaos verursacht.

 

Ein kurzweiliger, witziger Roman für erwachsene Leser, der sich auch hervorragend als Urlaubs- und Weihnachtslektüre eignet.

 

Die Autorin, Bettina Cordes, ist eine begeisterte Freundin von Rassehühnern und hat jahrelang (fast) alle Hühnerausstellungen in der Umgebung von Rotenburg an der Wümme besucht. Seit Jahren ist sie auch eine treue Besucherin der Junggeflügelschau in Hannover, wo sie ihre Charaktere – Gustav, Sigrun, Hanna, Veronika, Gertrud und Martina sowie, nicht zu vergessen, Virtuoso – persönlich getroffen hat.  

 

Mehr Info sowie eine Leseprobe gibt’s unter: www. bettinacordes.wordpress.com

 

Produktinformation:

Hühnerroman – Hardcover (gebunden), 240 Seiten  (20,5 x 12,5) 14,90 Euro

                             Verlag Atelier im Bauernhaus – EU ISBN 978-3-88132-412-0 



BETINNA CORDES

 

HÜHNERROMAN

 

 

 

© 2014 by Verlag Atelier im Bauernhaus, 28870 Fischerhude

Lektorat: Annette Freudling

Umschlaggestaltung: Wolf-Dietmar Stock,

unter Verwendung des Gemäldes von Kurt Glauber,

Krähender Hahn vor Hühnerstall, um 1950, Privatbesitz

Gedruckt 4/2014 in der EU ISBN 978-3-88132-412-0

                                                      www.atelierbauernhaus.de                                      


1. Kapitel

 

Folge 1.1

 

Hühner lieben keine Überraschungen. Schon gar nicht vor dem Morgenkrähen.

 

Das Fenster des Hühnerhauses war grau verhangen und der Nebel schob sich kalt über die Schlafstange. Sigrun sprang hinunter und tastete sich auf die Hühnertreppe hinaus. Der Schleier hing so dicht, dass sie nur sechs oder sieben Hühnerlängen weit sehen konnte. Gerade mal bis zum Zaun. Ein gutes Wetter für Raubvögel. Und ein gefährliches Wetter für Hühner.


      Sigrun horchte scharf in den Dunst hinein – Stille – als ob die Welt den Atem anhielt. Im Holz unter ihr waren keine Erschütterungen zu spüren. Also auch kein Feind in der Nähe. Sie schlug mit den Flügeln, um sich aufzuwärmen. Bald würde die Sonne vor der Schlafstange steigen und ihr Licht über die Hecke schicken. Es roch nach Erde, Gras und Hühnern. Und nach frischer Farbe.

      Sigrun zuckte zusammen.

      „Do-re-mi-fa-so-la-ti-do.“ Ganz in der Nähe sang jemand eine sonore Oktave. Und dann die Tonleiter wieder hinunter: „Do-ti-la-sa-fa-mi-re-do.“

      Das war verkehrt, das gehörte doch gar nicht hierher. Was war mit Gustav? Mit Veronika? Mit Hanna? Aber die saßen alle noch im Hühnerhaus und schliefen. Sigrun hatte sie ja gerade erst dort zurückgelassen. Außerdem waren sie vor Gustavs Frühkrähen niemals munter. Hanna vielleicht, wenn es einen Anlass gab, der sie interessierte – Körner zum Beispiel. Veronika aber auf keinen Fall. Die schnarchte, wenn man sie nicht mit Nachdruck weckte, bis weit in den Vormittag hinein.

      Jetzt war alles wieder still. Hatte sie sich den Gesang eingebildet? Oder geträumt? In West, auf der anderen Seite des Drahtzauns, regte sich ein Schemen. Langsam stakste Sigrun auf die Erscheinung zu, machte einen vorsichtigen Schritt, einen zweiten, einen dritten. Weich setzte sie die Krallen ab, als könne sie durch festes Auftreten irgendeine Gefahr hervorrufen. Hinter dem Drahtzaun wuchs das Bild eines Hahns aus dem Nebel, eines bunten Kerls, hochbeinig und schlank. Neben dem Fremden stand ein Wassernapf, aus dem er einen Schluck nahm, den Kopf zurückwarf, das Wasser in der Kehle rollen ließ und es dann in hohem Bogen ausspuckte. Dieser Hahn trank nicht, der gurgelte. Sigrun hatte so etwas noch nie gesehen.


„Doooo“, sagte der Unbekannte. „Miiiiiii.“ Dann schüttelte er sich, blies seine Brustfedern auf und fuhr fort mit einem „Sooooo“. Sein Kamm und seine Kehllappen hoben sich dunkelrot vom Hintergrund ab. Seitlich am Kopf schimmerten längliche weiße Ohrscheiben. Dem Kamm fehlten zwei Zacken. Jetzt machte sich der Fremde an die Akkorde. Nach dem spektakulären „Do-fa“ klang das „Do-fa-so“ allerdings ziemlich schräg in Sigruns Ohren.            Was hatte der Hahn da drüben zu suchen? Was war er für einer? Wo kam er her? Und vor allem – wie würde Gustav reagieren? Er verlor ja immer gleich die Nerven, wenn er fremde Hähne sah. Damals zum Beispiel, als der Bauer einen Wetterhahn auf seinem Dach befestigt hatte. Ein einziges Drama! Am liebsten hätte sie die Sache mit dem Neuankömmling ganz und gar geheim gehalten. Aber das ging natürlich nicht. Früher oder später würde Gustav den Fremden selbst entdecken. Es war nur zu hoffen, dass er Haltung bewahren und trotz des singenden Nachbarn rechtzeitig den Morgen rufen konnte. Drei Krährufe. Dreimal musste Gustav krähen, damit die Sonne aufging und die anderen Hennen rechtzeitig von der Schlafstange kamen.




Folge 1.2

 

Sigrun ging zurück ins Hühnerhaus.

 

Gustav war schon von der Stange gesprungen und damit beschäftigt, seinen Rosenkamm, seine Kehllappen und Ohrscheiben zu polieren. Dazu trug er knallrote Schuhcreme in kleinen Mengen auf und rieb und bohnerte an sich herum. „La-di-da“ summte er und scheitelte seinen Kamm präzise in der Mitte. „Was bin ich doch für ein schöner Hahn! Mit so einem wunderbaren Rosenkamm in schnittiger Form“. Er richtete sich auf. „Oooh du mein Rooooosenkamm“, brüllte er aus vollem Hals, „mein Ro-ho-ho-ho-hooosenkamm bist duuu!“


      Bei dieser Lautstärke konnte er den Nachbarn glücklicherweise nicht hören. Gustav pflegte und besang seine Attribute jeden Morgen. Niemand außer ihm besaß einen solchen ordentlich nach beiden Seiten gefalteten Kopfschmuck in einem derart schönen Rot. Dieser Kamm war absolut fehlerlos und sogar bei Sturm und Regen formbeständig. Da wehte niemals etwas durcheinander. Das erzählte er Sigrun jeden Tag. Zusammen mit den langen roten Kehllappen war der Kamm das Symbol für Gustavs Königswürde, Sinnbild seiner Macht als einziger Hahn weit und breit, als Alleinherrscher des Hühnerhofs.

      Als Gustav seine Morgentoilette erledigt hatte – oder als er sie vorläufig beendete, denn eigentlich war er nie so richtig fertig mit der Körperpflege – da prüfte er das Ergebnis ein letztes Mal im Spiegel des Wassernapfes und stolzierte nach draußen, um die Sonne zu rufen und die anderen Hennen zu wecken. Sigrun stapfte schweigend hinter ihm her. Vorsichtig spähte sie um die Ecke des eigenen Hühnerhauses in den benachbarten Auslauf, wo vorhin der Fremde herumgegurgelt hatte.

      Keine Feder zu erkennen. Sigrun atmete auf. Wahrscheinlich saß der Kerl in seiner Hütte und würde da hoffentlich noch eine Weile bleiben. Bedächtig stieg Gustav die Leiter auf das Dach des Hühnerhauses hinauf. Langsam nahm er Stufe um Stufe und bewunderte dabei seine Füße mit den gut gespreizten Zehen. Sigrun konnte seinen Gesichtsausdruck von unten genau erkennen und lächelte in sich hinein. Der linke Fuß mit den eleganten Krallen sei viel schöner als der rechte, hörte sie ihn sagen, aber als er dann den rechten Fuß vorsetzte, erschien ihm dieser besser. Und dann wieder der linke.

      Wenn er nur die drei Pflichtkrährufe ordentlich absetzen konnte, bevor der fremde Hahn wieder zum Vorschein kam! Aber da – Über dem First des Nachbarhauses erschien ein glänzend roter Kamm mit ein paar fehlenden Zacken, gefolgt von einem runden braunroten Hahnenkopf. Zwei rotumrandete Augen in einem erschrockenen Hahnengesicht starrten herüber. Sigrun hielt die Luft an. Auf dem dach des eigenen Hauses blieb Gustav stehen. Er krallte seine Zehen in das Holz, schwankte dabei vor und zurück und fixierte den anderen Hahn mit einem Auge. Der stockte ebenfalls und peilte in gleicher Weise zurück.

      Sigrun stöhnte. Ablenkung und Zeitverzögerung bereits vor dem Frühruf, was sollte das noch werden? Ohne ein vernünftiges Morgenkrähen war kein normaler Tagesablauf gewährleistet. Ohne den wiederum die Hennen keine Eier legen und auch sonst ihren pflichten nicht ordentlich nachkommen konnten. Dabei produzierten sie doch ohnehin schon so wenig. Viel zu wenig! Sigrun trat von einem Bein auf das andere.   

      Auf den beiden Dächern blieb es still. Keiner der beiden Hähne rührte sich. Nur ihre Kehllappen vibrierten ganz leise. Inzwischen wurde der Himmel über der Hecke heller und die dünnen Dunstschwaden lösten sich langsam im Licht auf. Davor die beiden reglosen Hahnensilhouetten. Gerade als Sigrun Luft holte, um zu einem aufmunternden Gackern anzusetzen, unterbrach Gustav das Starren. Mit festem Schritt stieg er die letzten zwei Hühnerlängen zum First hinauf, wippte dort ein wenig, schüttelte seine Federn, blähte die Brust und krähte in den Morgen hinein. Gustav hatte den schönsten Krähruf, den Sigrun sich überhaupt nur vorstellen konnte. Noch zweimal musste er es schaffen. Sigrun klemmte die Krallen in den Boden. Nur zu!

      Aber Gustav zögerte. Der fremde Hahn auf dem anderen Dach erklomm jetzt ebenfalls den First. Dabei ließ er ein paar schlanke, graublaue Läufe sehen. Sein goldbraunes Federkleid mit der schwarzen Brust und dem schwarzen Schwanz bildete einen deutlichen Kontrast zu Gustavs weißem Gefieder. Der Fremde stellte sich in Positur, atmete ein paar Mal tief ein und aus, und summte  „AAAAAA“. Dann setzte er in einer tiefen Tonlage an. Sorgfältig arbeitete er sich durch seine Melodie hinauf, bis in die höchsten Höhen schwang sich seine Stimme. Er hielt den hohen Ton eine Weile und durchlief dann sehr akkurat alle Oktaven wieder bis ganz hinunter. Dann sang er ein Lied:

      „Bald prangt, den Morgen zu verkünden,

      die Sonn´  auf goldner Bahn.

      Bald soll die Nacht, die düstre, schwinden,

      der Tag der Freiheit nahn.“

 


Folge 1.3

 

Ganz hoch hüpfte seine Stimme und dann noch höher hinauf.

 

Sie tanzte um die Bäume und um das Hühnerhaus und um Sigruns Ohren. Während seines Gesangs schritt der Nachbarhahn gemessen auf dem dach hin und her, ruhig setzte er einen Fuß vor den anderen und senkte dabei langsam seinen Kopf. Als er fertig war, verbeugte er sich mit einem „Schnork“, wobei sein Schnabel die Dachfläche berührte.

      Gustav machte ein Gesicht, als hätte ihm jemand mit einer fünfkralligen Riesenklaue vor die Brust getreten. Er krippelte auf dem First herum, gab einen rostigen Krähruf von sich, bekam dabei Luft in die Kehle und verschluckte sich heftig. Das Ganze endete in einem Hustenanfall und war insgesamt eine so traurige Leistung, dass Sigrun wusste, sie würde noch nachwecken müssen, weil die anderen Hennen sonst nicht von der Schlafstange kamen.

     „Veronika, was suchst du da unter den Büschen?“, rief Sigrun. „Die Eier gehören ins Legenest! Das weißt Du doch! Hier draußen gehen sie uns nur kaputt oder werden aufgefressen oder sonst was!“ Manchmal hatte sie echt den Schnabel voll davon, immer allein für alles – Der Schmerz schoss ihr heiß in den Nacken. Die Flügel versteiften sich und in ihrem Kopf hämmerte es, als würde jemand mit dem Schnabel auf sie einhacken. Bloß nicht noch krank werden! Als Oberhenne konnte sie sich das keinesfalls leisten. Sigrun blieb stehen und wartete darauf, dass der Anfall nachließ. Wenn nur Gustav mal  helfen würde! Aber der war ja anderweitig beschäftigt.

      Durch den Maschendraht hindurch fixierten die beiden Hähne einander mit gesträubtem Nackengefieder, wobei ein Hahnöstlich, der andere westlich des Zauns auf- und abmarschierte. Zwischendurch blieben sie stehen. Durch den Zaun zupfte Gustav den Fremden an einer Feder. Der andere senkte seinen Kopf. Dann pickten beide kurz auf dem Boden herum und richteten sich sofort wieder zur vollen Höhe auf. Sie wuchsen und wuchsen, als würden sie aufgeblasen.

                                                                                                                                                 Veronika

      „Streitet nicht“, rief Sigrun. Gustav schaute sich nicht einmal nach ihr um. Der andere Hahn aber blinzelte ihr zu und verbeugte sich bis zum Boden. „Mit aller Ehrerbietung für eine solch wunderschöne Henne“. Und dann stellte er sich vor, so höflich, wie man es sich als Huhn nur wünschen konnte. Sigruns Schmerzen waren sofort weg.

      Aus Westfalen habe man ihn gebracht, sagte der fremde Hahn, ein Bergischer Kräher sei er, eine aussterbende Rasse, er selbst einer der letzten Hähne seiner Art und daher sehr wertvoll. Virtuoso ist der Name“, fügte er hinzu, „von und zu Wuppertal, woll“. Dabei sprach er Wuppertal nicht aus, wie ein norddeutscher Hahn das getan hätte. Sondern er sagte „Wuppohtal“, als hätte er eine heiße Kastanie im Schnabel und seine Zunge rollte sich um das „l“. Schick war er, der neue Nachbar. So schöne goldbraune Federn – eine elegante Erscheinung! Und wie nett sich dieser Bergische Kräher ausdrückte. Speziell vor ihr hatte er sich verbeugt. Denn die kleine Hanna Krüperhenne, die unauffällig neben ihr hockte, die konnte er ja wohl nicht gemeint haben.

      Endlich mal ein Hahn, der Sigruns Stellung als Oberhenne zu würdigen wusste. Wirklich sympathisch und zuvorkommend! Gustav lehnte seinen Hals auf Sigruns Rücken. Gustav sagte er kurz. „Von und mit – “.

      Der andere Hahn stellte seine Nackenfedern auf. „Das hab ich ja noch nie gehört. ´Von´, für adliges Geflügel, und ´von und zu´, für  besonders blaublütige Hähne, aber ´von und mit´ – “ 

      Gustav von hier mit Vogel-V“, sagte Gustav. „Von – ein Titel für Könige“! Damit drehte er sich um und stelzte davon. Sigrun aber fragte sich, ob man den Namen Virtuoso nicht vielleicht auch mit Vogel-V schrieb.

 

  

2. Kapitel

 

Folge 2.1

 

Hanna Krüperhenne saß im Sandbad und nickte zufrieden.

 

Endlich waren alle Körner geordnet. So gut es nach dem bisherigen Prinzip ging. Eigentlich träumte Hanna von einem perfekten System, nach dem sich sämtliche Körner auf der ganzen Welt – oder doch zumindest im Hühnerhof – sortieren ließen. Alle Größen, alle Farben, alle Formen. Da es das aber noch nicht gab, hatte sie erst einmal das Legefutter ausgesondert, das der Bauer achtlos im ganzen Auslauf verstreut hatte. Sorgfältig in Form eines ordentlichen Haufens aufgeschichtet, glänzte es im Morgenlicht.

Hanna
Hanna

      Es war nicht zu verstehen, warum der Bauer so nachlässig mit diesem Spezialfutter umging. Schließlich hatte er den Hühnern erst gestern klipp und klar mitgeteilt, dass er dringend mehr Eier von ihnen brauchte. Viele Eier. Und zwar nicht nur Essqualität, sondern Brutqualität. Vor allem Brutqualität! Das hatte er mit lauter Stimme wiederholt. Obwohl außer Hanna niemand so richtig zugehört hatte. Wie also konnte sie die anderen Hennen davon überzeugen, wie wichtig dieses Legefutter war? Als Krüperhenne stand sie mit ihren kurzen Beinen so dicht über dem Boden, dass ihre Argumente meist im Sand verliefen.  Hanna erhob sich, lockerte die Mulde und wechselte in Sitzrichtung, um möglichst viel Wärme aufzufangen. Dann schleuderte sie sich Erde ins Gefieder, seufzte und schmolz wieder in sich zusammen.

      Von hier aus war der zweite Auslauf zu erkennen, der ebenfalls dem Bauern gehörte. Er grenzte in Ost an das eigene Gelände und war in gleicher Weise mit grünem Maschendraht eingezäunt, bisher aber unbewohnt geblieben. Eine sehr interessante Parzelle, auf die Hanna schon länger ein Auge geworfen hatte. Beide Augen, um genau zu sein. In der offensichtlich lockeren Erde drüben hatte die Bäuerin für sich und ihren Mann immer Regenwürmer ausgegraben. Jedenfalls hatte Hanna das aus den ruckartigen Bewegungen der Frau geschlossen, wenn sie zur Essenszeit der Menschen im Boden herumhackte. Aber das war lange her. Hanna hatte die Bäuerin seit Hühnergedenken nicht mehr gesehen; heutzutage saß der Bauer immer allein auf seiner Schlafstange.

      Und nun lebte also dieser wunderschön singende Hahn mit dem glänzenden Federkleid nebenan. Der sich in keiner Weise um die regenwurmreiche Parzelle hatte bemühen müssen, sondern einfach vom Bauern dort einquartiert worden war. Über Nacht. Natürlich gönnte Hanna ihm das! Einem dermaßen bezaubernden Kerl! Hanna meinte verstanden zuhaben, dass sie eine höchst elegante Henne mit einem schnittigen Profil sei. Das hatte er ihr, wenn auch ein wenig undeutlich,  zugeflüstert. So ein aufmerksamer Nachbar!

      Gerade blinzelte er ihr wieder zu. Schob seine Brust vor. Und stützte dabei ganz locker die Flügel in die Seiten. „Steh auf, erheitre dich, oh Liebe“, sang er in ihre Richtung. Noch niemals in ihrem Leben hatte sich ein Hahn derart charmant Hanna gegenüber verhalten. Ganz so, als ob sie die begehrenswerteste Henne der Welt sei. Als ob er nur für sie allein sang.

       „Au“! Hanna schüttelte sich. Jemand hatte ihr mit Nachdruck auf den Kopf gepickt.
       „Keine fremden Hähne anflirten hier!“, rief Gustav. Er wandte sich dem Nachbarhahn zu, wippte auf seinen Stützkrallen, nahm Anlauf, beschleunigte, flatterte und sprang mit aller Kraft in den Maschendrahtzaun, der zwar gewaltig mitfederte, seinem Ansturm aber standhielt. Virtuoso hörte auf zu singen.       

 

Folge 2.2

 

Hanna drehte sich weg.

 

Wenn Gustavetwas verboten hatte, war es besser, ihn nicht zu provozieren. Inzwischen würde sich ihr Federleid durch das Sandbad auf jeden Fall verbessern. Schön weich und glänzend würde es werden.  

      „Au“! Das konnte Gustav nicht gewesen sein. Er konzentrierte sich ausschließlich auf den Kräher. 

      „Au“! Wieder die gleiche Stelle. Sigrun also! Mit gerunzelten Borstenfedern schaute Hannaihrer Oberhenne hinterher. Um sie herum tanzte das Licht der Sonne und malte ein flackerndes Feuer auf den Boden. Als sie über den Baumstamm hüpfte, der mitten im Hühnerauslauf lag, schossen helle Flecken in alle Richtungen. Immer diese Hektik! Der ganze Stress. Der aus dieser Nervosität erwuchs, den musste Sigrun dann wieder an ihr, Hanna, auslassen, nur weil sie das kleinste, schwächste und am wenigsten schlagfertige Huhn war.

      Hanna wackelte mit dem Hintern. Alle Hennen hatten selbstverständlich zu akzeptieren, dass Sigrun das wichtigste und wunderbarste Huhn aller Zeiten war, eine Ramelsloher Henne der allerersten Größenordnung. Aus diesem Grund hatte Sigrun, geborene „de Ramelsloher“, ja sogar ihren Nachnamen geändert und hieß jetzt „Huhn“. Um zu zeigen – 

Hanna
Hanna

      Pong. „Jetzt reicht´s aber“! Hanna sprang auf. Über ihrem Kopf gackerte jemand. Von einem Ast der alten Eiche spähte Veronika herunter. Der Federschopf kippte ihr über die Augen. Sie nahm einen Zweig, kniff ein Auge zu, zielte und ließ das Geschoss fallen. Hanna reagierte gerade rechtzeitig. Das Ding knallte neben ihr in den Sand.

      „Ständig mit dem Schnabel in der Erde, da bekommt man natürlich nichts mit von Leben! Wenn du weißt, was ich meine!“ Veronika beäugte den Ast, auf dem sie saß, rückte ein Stück weiter und fahndete nach neuer Munition.

      „Lass das! Sofort!“, rief Hanna.

      „Warum?“ 

      „Ich bade Sand.“ Hanna trat Erde nach hinten weg, etwas heftiger als geplant. Drei Hühnerlängen hoch staubte es. Diese Veronika! Dabei kam sie ja noch nicht mal von hier. Sondern aus der Schweiz. Erkennbar an ihrem unglaublich starken Akzent. Veronika wippte mit ihrem Federschopf. „Komm doch rauf zu mir. Schaffst du ja doch nicht, oder?“ Sie schüttelte sich vor Lachen.

      Hanna zischte.

      Krrck.  Veronika ruderte mit den Flügeln, um das Gleichgewicht zu halten.

      Knack.  Zwei Hühnerlängen vor Hannas Schnabel krachte ein Ast auf den Boden. Mitten in die Legekörner hinein, die sie mit so viel Mühe geordnet und sortiert hatte. Die Arbeit mehrerer Tage war zerstört! Grinsend flatterte Veronika hinterher. Da standen einem doch glatt die Federn zu Berge! Hanna sprang auf. Sie kratzte und wirbelte dabei den Staub so hoch auf, dass sie selber nichts mehr sah. Dann stürzte sie sich auf Veronika oder jedenfalls in die Richtung, in der sie die Schweizerin vermutete. Sie würde dieser Ausländerin schon zeigen, wo der Schnabel wuchs! Aber Hanna hackte ins Leere. Als sich die Staubwolke lichtete, war niemand mehr da. Veronika saß wieder auf dem Baum und spähte in die Ferne, als ob sie das alles nichts anging.

      „Wenn Du so weitermachst, enden wir hier noch im Konkurs!“, rief Hanna. Eine Antwort bekam sie nicht.


Folge 2.3

 

Der Nachbarhahn zwinkerte Gustav mit einem Auge zu.

 

„Der Herr von und mit muss sich wohl wieder aufblasen, woll.“

      „Brich dir nur keinen Zacken aus dem Kamm!“, rief Gustav.

      „Musst Du grad sagen. Du bist ja total zackenlos!“

      „Ich trage keinen gewöhnlichen Kamm, sondern eine Krone.“ Damit war der Höflichkeit genug getan. Gustav flog seinen Widersacher an und versuchte, ihn mit Krallentritten zu erwischen. Sein Gegner tat das Gleiche. Der Maschendraht allerdings beeinträchtigte nicht nur die Zielgenauigkeit, sondern federte die Stöße von beiden Seiten ab.

      „Alter Mistkerl!“ Virtuoso presste die Brust an den Zaun. Durch eine Masche im Draht starrte er Gustav mit seinem rot geränderten Auge an. Gustav peilte zurück und versuchte, dabei nicht zu blinzeln. Er sperrte das Auge so weit auf, dass es tränte. Nach einer Weile verlief das Bild des Gegners und verschwamm zu einem undeutlichen bunten Fleck. „Manche Hähne tragen ihren Schnabel nur deswegen so hoch, weil ihnen das Wasser bis zum Hals steht!“

      „Auf eine Freundschaft mit dir lege ich ohnehin keinen Wert, woll.“ Virtuoso richtete sich auf. „Bin ja ohnehin nur auf der Durchreise.“

      „Durchreise?“, rief Sigrun mit schriller Stimme. „Was denn für eine Durchreise?“

      „Nach Salzburg natürlich.“

      „Was ist das denn?“

      Gustav wusste auch nicht, was ein Salzburg war. Bestimmt irgend etwas Salziges.

      „Eine Stadt in Österreich. Mehrere Tagesreisen von hier entfernt, woll. Die Stadt der Oper.“ Der Nachbarhahn blinzelte Sigrun zu und pfiff. „Deswegen wird ich dort ja so dringend gebraucht. Ohne Sänger geht das nämlich nicht.“

      „In Saaalzburg?“ Sigruns Kamm kippte von einer Seite auf die andere.

      „Auf der Bühne werde ich singen“, sagte Virtuoso. „Vor großem Publikum.“ Gustav schüttelt den Kopf. Was redete denn der Nachbar da nur für einen Unsinn?

      „Ich wusste ja gar nicht, dass Hähne so etwas können.“ Sigrun zog die Borstenfedern über den Augen hoch.

      „Nicht alle Hähne natürlich“, sagte Virtuoso. „Meine Rasse ist eben sehr speziell.“ 

      Sigrunsah enttäuscht aus. Virtuoso strich sein Gefieder glatt, bürstete sich unsichtbaren Staub von der Schulter und stellte sich breitbeinig mitten in seinen Hof. Dann summte er etwas, klopfte dazu mit dem Fuß einen Rhythmus in den Sand und blähte seine Brust auf.

      „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“, sang er mit tiefer Stimme,

     „wie noch kein Auge je gesehn.

      Ich fühl es, wie dieses Götterbild

      mein Herz mit neuer Regung füllt. …"

      Aber was machte Sigrun denn da? Die zwinkerte ja dem Nachbarn zu! Gustav hatte es genau gesehen! „Lass das!“, rief er und trat dazwischen. Wie hätte sein verstorbener Vater in einer solchen Situation reagiert? Wie hätte er seine Hennen gegen einen solchen aufgeblasenen Eindringling verteidigt? Gustav schüttelte den Kopf. Michael wäre so etwas niemals passiert! Der hätte höchstens dem anderen Hahn die Hennen ausgespannt. Er, ja er selbst wäre derjenige gewesen, der gepfiffen und gesungen hätte. Garantiert!    


Folge 2.4

 

„Total kahler Kopf“, schrie Veronika.

 

Sigrun zuckte zusammen. Am Wohnhaus des Bauern stand ein fremder Mann mit einem ganz und gar blanken Schädel. Nein  er stand nicht. Er wippte auf den Fußspitzen. Sigrun kippte ihren Kamm nach links und kniff ein Auge zu. „Nicht jeder kann so einen Federschopf tragen wie du, Veronika. Der Mann ist schließlich keine Henne und schon gar keine Appenzeller Spitzhaube. Außerdem brauchst du nicht so zu schreien.“

      Aus Richtung des Wohnhauses schlurfte der Bauer heran. Er trug einen Eimer, der ihm bei jedem Schritt um die Beine klapperte. Der kahlköpfige Fremde trat auf ihn zu, ergriff seine Hand und schüttelte sie heftig.

      „Ein Männerkampf!“ Gustav grinst über die ganze Breite seines Schnabels. Der Kahle allerdings ließ die Hand des Bauern ganz von selbst wieder los und krakeelte herum, wobei sein Zeigefinger immer wieder auf die Brust des Bauern klopfte. Dann wies er in Richtung Hühnerhof. Er breitete die Arme weit aus und wedelte mit den Händen.

      „Der erinnert mich an jemanden“, sagte Sigrun langsam. „Dieser Fremde da hat, glaube ich, der hat was weg von meiner Tante Kunigun.

      „Kunigun de Ramelsloh?“ Gustav krähte. „Unmöglich! Deine Tante Kunigun war eine Henne und weiblich. Der Typ dort drüben ist aber ein Mensch. Und ein Mann.“

      Der Bauer schüttelte den Kopf. Der andere krakeelte weiter.

      „Ich glaube, die machen Politik!“, rief Veronikaso laut, dass Sigrun fast von den Krallen gekippt wäre. „Vielleicht ist das ein Gipfeltreffen!“

      „Halt endlich den Schnabel!“ Sigrun drohte der Appenzeller Henne und wandte sich dann den beiden Männern zu, die sich langsam näherten. Dadurch wurde auch die Stimme des Unbekannten besser verständlich: „So, wie es jetzt läuft, kann dein Hof niemals überleben, das ist dir doch hoffentlich klar.“ Der Fremde schaute mit halb zugekniffenen Augen um sich. „Ein paar Hühner und Schafe, fünfeinhalb Kühe, und vom Haus blättert schon der Putz ab.“

      Sigrun verstand das Problem nicht. Ohne Hühner konnte natürlich kein Bauernhof funktionieren; Kühe hingegen waren eine Randerscheinung und Schafe erst recht. Und das Wichtigste an einem Haus war doch die Qualität der Schlafstangen und nicht die des Putzes.

      Mit einer Hand griff der Fremde den Zaun am Wohnhaus und wackelte daran. „Selbst der hier ist total verrostet. Offensichtlich kannst Du ihn noch nicht mal ausbessern.“ Sigrun fand das auch gar nicht nötig. Auf einem rostigen Zaun hatte man mit seinen Krallen schließlich einen wesentlich besseren Halt als auf glatten Metallstangen. Außerdem waren die Hühner ja in ihren Auslauf eingeschlossen und kamen zu dem Zaun dort drüben sowieso nicht hin.

      „Sag schon, was du willst, und sonst hau ab.“ Der Bauer machte einen Schritt auf den anderen zu.

      „Wir haben ja darüber gesprochen“, sagte der Fremde. „Deinen Hof und dein Land will ich haben. Ich bezahle gut. Einern Haufen Kohle. Überleg´s dir.“

      „Unsinn“, sagte der Bauer. „Du brauchst kein Land.“

      „Oh doch.“ Der andere sprach heftig, die Worte schossen nur so aus seinem Mund. „Für die geplante Betriebserweiterung. Und dein Laden läuft ja schon lange nicht mehr, da können wir uns doch einigen. Unter Nachbarn.“ Der Bauer schüttelte den Kopf. Der Fremde zeigte mit dem Finger in Sigruns Richtung. „Wenn ich hier die Sache übernehme, kommt dieses unrentable Federvieh erst mal weg.

      „Federvieh!“, rief Gustav. „eine Beleidigung!“ Wenn er dermaßen schrie, konnte Sigrun nicht gut hören, was die Männer da redeten.

      „Der Hühnerhof gehört mir“, sagte der Bauer. „Wie alles hier. Und das bleibt auch so.“

      „Wenn du nicht verkaufen willst, werden sich schon Mittel und Wege finden.“

      „Was für Mittel und Wege?“

      „Du wirst schon sehen.“

      „Wenn du glaubst mich hier bedrohen oder erpressen zu können, werde ich die Polizei – “

      „Ohne Zeugen? Da lachen ja die Hühner.“ Der Fremde verzog das Gesicht in einer Weise, die Sigrun gar nicht gefiel. Es sah aus wie ein Lächeln, aber seine Augen blieben dabei ernst und kalt. „Oder können die vor Gericht für dich ausgackern?“

      „Ich werde – “ Das Gesicht des Bauern war röter als sonst. Fast so rot wie Gustavs Kamm.

      „Ich bin – “

      „Total am Ende.“ Wieder grinste der andere. „Gib´s zu.“

      Sigrun kratzte sich am Kamm. Dass es dem Bauern so schlecht ging, hatte sie nicht gewusst. Konnte das an den Eiern liegen oder vielmehr an der geringen Zahl von Eiern?

      „Hau ab!“ Der Bauer machte einen schritt auf den anderen zu. „Und zwar sofort!“

      „Nana, wir wollen doch wohl nicht handgreiflich werden? Das würde sich vor Gericht aber gar nicht gut machen!“

      Der Bauer blies seine Backen auf und ballte die Fäuste. Eine Zeitlang standen die beiden Männer sich bewegungslos gegenüber.

      „Wir verstehen uns doch, nicht wahr“, sagte der Fremde schließlich. „Schlaf drüber, wir sprechen uns wieder. Du wirst schon noch merken, dass es das Beste für dich ist, deinen Hof und dein Land mir zu überlassen.“

      Der Bauer sah der Gestalt hinterher, wie sie lautlos durch das Tor in Richtung Straße schlich und sich schließlich in der Dämmerung auflöste. Dann brummelte er das Wort vor sich hin, das der andere benutzt hatte. „Betriebserweiterung. Jaja!“

 

3. Kapitel

 

Folge 3.1

 

„Den Hühnerhof abschaffen!

 

Bei dem ist wohl eine Feder los!“ Gustavs Herz klopfte bis in den Kopf hinauf.

      „Bei dem sind alle Federn los!“ rief Veronika.

      Gustav schluckte. „Aber macht Euch keine Gedanken. Immerhin ist der Typ unverrichteter Dinge wieder abgezogen.“

      Nebenan breitete Virtuoso seine Flügel aus und räusperte sich. „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“, sang er. „Tod und Verzweiflung flammt um mich her!“

      Gustav sprach lauter. „Ich bin hier derjenige, der festlegt, wie es weiter geht. So wie es vor mir mein Vater, Michael der Erste und Besondere, getan hat und davor mein Großvater Manfred der Allererste und Spezielle.“

Gustav
Gustav

      „Ein unglaublich langer Stammbaum!“, rief  Veronika.

      „Und jetzt regle ich selbst die Dinge“, fuhr er fort. „Gustav der Einzig Echte.“

      „Mit Vogel-V“, sagte Sigrun.

      „Nicht irgendein Fremder“, sagte Gustav. „Und so ein hergelaufener Virtuell schon gar nicht.

      Der Nachbarhahn umspannte mit seinem Gesang zwei Oktaven. Hinauf, höher hinauf und dann noch weiter hinauf tanzte seine Stimme, ein kräftiges hohes F hüpfte über den Hof. Gustav versuchte, den Sänger auszublenden. „Auf keinen Fall werden wir verschwinden! Schließlich bin ich als Oberhaupt für die Verteidigung meines Volkes zuständig!“

      „Und wie war es vorige Woche, als der Fuchs draußen herumgestrichen ist?“ Sigrun runzelte die Borstenfedern.

      Gustav räusperte sich. „Vorige Woche habe ich nachgedacht. Das verstehst Du nicht. Als Hahn hat man viele wichtige Aufgaben. Eine gute Planung ist das A und O.“

      Sigrun nickte. „Besonders wenn der Feind angreift.“

      „Wenn es darauf ankommt, werde ich euch auf jeden Fall beschützen“, sagte Gustav. „Bis zu letzten – “

      „Ja?“, fragten die Hennen im Chor.

      Gustav überlegte kurz. „Bis zur letzten Schwanzfeder.“ Er nahm eine würdevolle Haltung an und schaute zu seinem Rivalen hinüber. Noch immer trompetete dieser unmögliche Typ im ganzen Hof herum. „Hahn sein ist ein einsamer Beruf“, murmelte Gustav.

     Einer der sozialsten Berufe der Welt“, sagte Sigrun. „Wenn man weiß, worauf es ankommt.“

      Im Nachbargehege ging ein Wasserstrahl nieder. Ein Strahl aus einem Schlauch, den der Bauer in beiden Händen hielt und mit dem er auf  Virtuellzielte. „Hör endlich auf zu krähen! Dauernd dieses Geschrei!“ Das Wasser traf den Find am Hinterkopf, spritzte in alle Richtungen und tropfte von seinen Kamm mit dem zwei fehlenden Zacken herunter. Gustav grinste.

      Virtuoso schüttelte sich. „Nun ihr schönen Frauenzimmer, darf ich, so empfehl ich mich!“ Damit verschwand er hinter seinem Hühnerhaus. Wenn das so weiterging mit diesem Gebrüll, würde der Bauer ihn ganz bestimmt schnell wieder fortschaffen, den Virtuell. Was Gustav betraf, gerne zurück nach Wuppertal. Wo immer das sein mochte. Oder nach Salzburg. Noch besser!

 

Folge 3.2

 

Am nächsten Morgen wehte es so stark,

 

dass sich die Bäume immer wieder verbeugten, als wollten sie Gustav zunicken.

      „Du musst noch krähen“, sagte Sigrun.

      „Lass mich doch! Ständig schreibst du mir alles vor!“

      „Ich weise dich nur darauf hin. Was schließlich zu meinen Aufgaben als Oberhenne gehört.

      Gustav setzte eine Kralle auf die Hühnerleiter, die auf das Dach führte. Der Wind griff ihm unter den Schwanz und schlug ihm die Schwungfedern auf den Rücken.

      „Na?“ fragte Sigrun.

      „Misch dich nicht dauernd ein!“ Gustav schaute hinauf. Der Sturm blies durch die Bäume und ließ die Äste krachen. Und noch weiter oben, am Himmel, da flogen die Staubwolken so hastig entlang, als seien sie vor jemanden auf der Flucht. Schon vom Zuschauen wurde einem ganz schwindelig. „Heute wird das nichts“, sagte Gustav. „Zu viel Wind.“

      Sigrun blinzelte. „Du hast doch wohl keine Höhenangst oder so was?“

      „Ich? Höhenangst? Wie kommst du darauf?“ Gustav schüttelte den Kopf so heftig, dass ihm die Kehllappen um den Kopf klatschten. „Ich bin doch ein Hahn!“

      „Auch Hähne können Angst haben.“

      „Das verstehst du nicht. Der Krähruf vom Boden aus hat ganz bestimmte Qualitäten. Besonders bei diesem Wetter. Noch nie was von Bodenständigkeit gehört?“

      Sigrun seufzte. Alles im Hof versackte im Matsch. Auch die Körner, die der Bauer heute Morgen ausgestreut hatte. Wahllos überall hingeworfen. Wie üblich. Also musste man intensiv scharren und suchen, während einem der Regen auf den Rücken klatschte und der Wind die Federn zerzauste. Vielleicht sollte sie erst einmal die Tagesproduktion überprüfen. In den Legenestern, wo es zumindest windstill und trocken war. Sigrun ging ins Haus und äugte ins Stroh. Eins, zwei, drei. Wo war der Rest? Mehr war nicht zu finden, auch nicht durch heftiges Scharren. Drei Eier! Zu wenig, wie üblich. Viel zu wenig!

      Was konnte sie als Oberhenne da noch tun, um die Produktion des Volkes zu steigern? Sie versuchte ja bereits die bestmöglichen Voraussetzungen zu schaffen. Den Hühnerhof und das Haus in Ordnung zu halten, damit sich die Mitarbeiterinnen wohl fühlten. Schließlich wollte man sich als Volk doch profilieren und weiterkommen im Leben! Gebracht hatte das alles bisher nichts. Wie lief es überhaupt bei anderen Hühnervölkern? Wie machten die dass? Gab es vielleicht irgendwo Legekurse? Berufliche Fortbildungsseminare? Motivationsveranstaltungen? Sigrun schüttelte den Kopf. Davon hatte sie noch nie gehört. Wahrscheinlich motivierten andere Hähne ihre Hennen viel stärker. Trieben sie an. Stimulierten die Legetätigkeit. Darauf konnte man bei Gustav lange warten.

 

      Dieser Sturm aber auch! Draußen warf der Wind alles durcheinander, was lose im Hof herumlag. Ein einziges Chaos, selbst hier im Stall. Sigrun schloss die Augen. Der bekannte Schmerz zog ihr über den Nacken in die Schultern und Flügel und setzte sich da fest. Sie wartete, bis die Attacke nachließ, streckte die Flügel, um sie zu lockern, und schlich in den Hof hinaus. Wenige Hühnerschrittlängen von ihr entfernt war Hanna, wie immer, mit den Körnern beschäftigt. Sie schob einige Häufchen zusammen und trennte andere nach einem System, das nur sie verstand. Dabei flogen die Körner in alle Richtungen. „Ganz neu arrangieren“, murmelte Hanna. „Das weht mir aber doch echt total durcheinander!“

      „Wenn Du so weitermachst“, rief  Veronika, „sitzt du in hundert Hühnerleben noch hier und schiebst Getreide im Staub herum!“

      „Von Ausländern lasse ich mir schon gar nichts sagen. Schließlich verwalte ich hier unser Überbestandslager.“

 

      Sigrun fragte sich, was für einen Sinn das haben sollte. Veronika warf Hanna einen verächtlichen Blick zu. „Wenn man so viele Vorurteile hat wie du, bleibt einem wohl nichts anderes übrig, als den Schnabel in den Sand zu stecken und Körner zu zählen! Dein Horizont ist nicht nur beschränkt, der ist so flach wie ein Kuhfladen!“


Folge 3.3

 

Etwas weiter entfernt scharrte Gustav,

 

wobei er den Boden aufkratzte, einen Schritt zurücktrat und die auf diese Weise vorbereitete Stelle zielgenau anpickte. Sigrun war übel. Beim Gedanken an Futter im Allgemeinen, an alle diese Körner, an Hannas Sammlung und an Gustavs Gescharre nach Essbarem, bei diesem Gedanken wurde ihr richtig schlecht.

      „Bis Du krank?“ Hanna schaute sie an. „Was hast du denn?“

      „Konkurs“, rief Veronika. „Unsere Oberhenne leidet an Konkurs!“

      „Unsinn“, sagte Hanna. „Ein Konkurs ist doch – “

      Abrupt hob Gustav den Kopf und stieß den Warnschrei aus. Der Habicht segelte flach über die Hecke in Ost, zog eine scharfe Kurve und steuerte genau auf den Hühnerhof zu. Im Sturzflug schräg auf Sigrun herunter. Nur noch wenige Hühnerlängen entfernt. Raubvögelwaren schnell. Und Habichte ganz besonders. Auf keinen Fall durften sie ihn anschauen! Aber Sigrun konnte ihren Blick nicht abwenden. Immer größer und gefährlicher wurde der Raubvogel. Ein riesiger schwarzer Schatten, der sie verschlucken wollte.

      „Hilfe!“

      Wer rief da? Das rauschen der Habichtflügel war viel zu laut. Wenn sich doch nur diese Starre lösen würde! Damit sie rennen konnte, statt hilflos hier zu hocken und auf den Tod zu warten –

      Die gelben Augen hielten sie gefangen. Die zum Schlagen ausgestreckten Krallen, die schwarze Brust –

Habichtangriff
Habichtangriff

     „Ihr wandelt durch des Tones macht“, sang jemand ganz weit weg. „Froh durch des Todes düstre Nacht.“ Froh? Tod? „Wir wandelten durch Feuersgluten.“ Virtuosos Stimme wurde immer lauter und verdrängte alle anderen Geräusche. Bis sein Lied die ganze Welt ausfüllte. „Bekämpfen mutig die Gefahr. Mein Ton sei Schutz bei Habichtsangriffen, so wie es schon immer war.“

      Sigrun flatterte und rannte los. Durchquerte den Hof. Ereichte die Hühnertreppe. Und torkelte durch die Luke in das Hühnerhaus. Drinnen war es dunkel. Die anderen Hennen hockten auf dem Boden. Keuchend schob Sigrun sich in eins der Legenester. „Gerade noch mal gut gegangen!“

      „Denkst du, sagte Veronika. „Soll ich euch mal die Geschichte vom Habicht im Hühnerhaus erzählen?“

      „Nicht jetzt, danke, Veronika!“

      „Eine echt wahre Begebenheit.“ Veronika strich sich mit dem rechten Flügel über den Kopf.“ Als der Habicht nämlich die Legenester angegriffen hat, die ganz hinten im Stall waren, genauso wie hier, so dass er erst alle Hennen – “

      „Halt doch endlich dein Schnabelwerk!“ Sigrun brauchte einen Moment Ruhe. Da war ein Gedanke in ihrem Hinterkopf, den sie gar nicht denken und von dem keiner etwas wissen durfte. Aber in diesem Moment der überstandenen Gefahr dacht sie ihn doch. Insgeheim wünschte sie sich nämlich, drüben bei Virtuoso wohnen zu dürfen. Nur er und sie. Ein holder Junghahn, sanft und schön. So schön, als sie noch nie gesehn. Ach, Virtuoso!

      Wenn der Habicht sie nun erwischt hätte? Was wäre dann mit ihr passiert? Das gleiche wie mit Tante Kunigun wahrscheinlich. Damals, als Sigrun noch eine Junghenne war. Lange hatte die Leiche der Tante nach dem Angriff im Hof gelegen. Immer wieder hatte der Habicht darauf eingehackt. Bis am Ende nur noch blutige Knochen übrig gewesen waren. Erst viele Tage später hatten sich die Hühner wieder aus dem Haus getraut.    

      Sigrun kratzte sich am Kamm. Heute war sie dem Habicht mit knapper Not entkommen. Beim nächsten Angriff allerdings konnte das ganz anders aussehen.

      Nebenan stimmte Virtuoso ein neues Lied an. „Die Zauberflöte wird dich schützen, im größten Unglück unterstützen.“


4. Kapitel

 

Folge 4.1

 

Gustav reichte es jetzt aber langsam!

 

Hatte dieser Kräher da Sigrun einfach so vor dem Habicht gerettet! Gustavs höchst eigene Oberhenne! Und sich damit brutal in Gustavs Volksangelegenheiten eingemischt. Plus sich illegaler weise als Held profiliert. Ein absoluter Schlag unter die Flügellinie! Gustav hatte den Schnabel gestrichen voll. Es wurde allerhöchste Zeit, dass dieser Virtuell wieder verschwand.

Trotz Regen und Wind blieb Gustav viele Stunden lang am Zaun stehen und entwarf seinen Angriff. Wenn er den Maschendraht an einer Stelle in westlicher Richtung durchbrach, konnte er sich dem Feind bis auf wenige Hühnerlängen unbemerkt nähern. Bei der geplanten Attacke wäre er dann im Vorteil. Wegen des Überraschungseffekts.

Gustav stellte sich vor, wie er dem Gegner im Renntempo die Sporen ins Gefieder rammte. Er würde nicht lange fackeln. Ein Tritt vor den Bug und diesem Virtuell würde mindestens ein weiterer Zacken aus dem Kamm brechen. Wenn nicht überhaupt gleich alle.

Blieb nur noch die Frage, wie er am besten durch den Zaun kam. Für einen erfahrenen Hahn wie ihn gab es mit Sicherheit eine Möglichkeit. Er würde es ihm schon zeigen, diesem gelackten Gesangsschnösel von einem Virtuell!

Vorsichtig pickte Gustav den Zaun an. Er musste eine geeignete, nicht allzu stabile Stelle finden, in die der er eine Öffnung hacken konnte. Eine Öffnung, die groß genug war für einen weißen Schweizer Hahn. Ohne dass er sich beim Durchstieg seine kostbaren Schwanzfedern kaputtmachte.

„Hör doch mal zu, wenn ich mit dir rede! Egal, was ich sage, alles geht total an dir vorbei!“, rief Sigrun.

Gustav schaute zu Virtuell hinüber. Der Nachbarhahn, der musste sich kein Genörgel anhören. Der war da ganz allein in seinem Auslauf. Gustav grinste in sich hinein. Das geschah diesem Virtuell ganz recht! Er selbst konnte sich so ein Junggesellenleben nicht vorstellen. Natürlich gab es nicht für alle Hähne dieser Welt eine volle Stelle auf einem Hühnerhof. Dazu waren es viel zu viele Hähne und zu wenig Hennen. Halbe oder Viertelstellen wurden ja nicht angeboten. Jedenfalls hatte Gustav noch nie davon gehört, dass sich mehrere Hähne in einem Volk abwechselten und dort in Teilzeit arbeiteten.

Moment. Was war das? An der Ecke des benachbarten Hühnerhauses erschien etwas. Ein Schnabel, ein Hennenschnabel, dann ein rotbrauner Hennenkopf mit rotem Kamm und roten Kehllappen. Der ebenfalls dunkle Hennenhals war schlank und ging in einen sportlich geformten Körper über, von dem sich der Gustav zugewandte Flügel farblich abhob. Den Schwanz trug das Huhn stolz gefächert.

Gustav schluckte. „Das wusste ich nicht, dass der Virtuell auch eine Henne besitzt“, sagte er zu Hanna, die neben ihm herumscharrte. Auf das erste Huhn folgte ein zweites. Nickend schritten die beiden Hennen in ihren Auslauf hinaus, als hätten sie schon immer dort gewohnt. Und dann erschien ein weiterer rotbrauner Kopf.

„Allmächtiger Bauer!“, rief Gustav. „Dieser Virtuell hat ja ebenso viele Hennen wie ich!“ „Drei“, sagte Hanna. In diesem Augenblick stolzierte das nächste Huhn aus dem Nachbarhaus.

„Das sind ja mehr als drei!“, rief Gustav. „So geht das aber nicht!“ Es ging aber offensichtlich doch. Vier Hennen, wie Hanna durch professionelle Zählung feststellte. Vier ausgewachsene Bergische Hennen. Farblich zueinander passend. Laut war es im benachbarten Auslauf. So laut, dass Gustav kaum seine eigenen Gedanken verstehen konnte. Eine von Virtuells Hennen stand etwas erhöht auf einem Stein und hackte unablässig nach einer unter ihr stehenden Kollegin, die sich ebenso unablässig vor ihr verbeugte. 

Nach einer Weile drehte sich die heruntergeputzte Henne um und ging auf die beiden anderen los, die auch schon damit beschäftigt waren, einander ganz gewaltig die Meinung zu sagen. Soweit Gustav erkennen konnte, ging es dabei um einen Gummiring, der noch keine endgültige Besitzerin gefunden hatte. Eine der beiden hielt das Gummi im Schnabel, die andere zog daran. Gustav schüttelte den Kopf. Was hatte sich der Nachbarhahn da nur aufgehalst? 

Bewahret euch vor Weibertücken“, sang Virtuell. „Manch weiser Hahn ließ sich berücken.“ Gustav schüttelte weiter den Kopf. Führungsqualitäten, das war es. Dem Nachbarhahn fehlten ganz eindeutig Führungsqualitäten!


Folge 4.2

 

Natürlich war es das Lesefutter.

 

Das besonders schmackhafte. Aus keinem anderen Grund wären die Hennen bereit gewesen, so lange geduldig in der Nähe des Bauern zu bleiben und um ihn herumzuscharren, während er ihnen vorlas. Gustav allerdings war schon den ganzen Morgen in Erwartung der Lesung hin und her gerannt. Da es ja schließlich um neue Hennen ging. Viele neue Hennen. Mehr, als man zählen konnte. Das jedenfalls hatte ihm der Bauer versprochen. Eine wahnsinnig spannende Sache!

Gustav beobachtete den Mann mit höchster Konzentration, als dieser den Hühnerauslauf betrat, den alten Eimer umdrehte und sich darauf setzte. Und Gustav spitzte seine Ohrscheiben, während der Bauer das Papier auseinanderschüttelte. Eine wahre Geschichte würde er vorlesen, direkt aus der Zeitung. Unverfälscht und von allererster Qualität.

Der Bauer räusperte sich. „Hier ist eine Hühnerzuchtstation geplant. Für Legehennen.“ Na also. Gustav gackerte zufrieden. Er hatte es ja gewusst. Man würde ihm weitere Hennen schicken, zusätzlich zu den dreien, die er schon hatte, und alle zusammen würden sie viele, viele Eier legen. Aus denen dann wieder neue Hennen schlüpfen konnten. Gustavs Gedanken flatterten hoch in die Luft und segelten da eine Weile herum.

Wenn das dann so weiterging mit dem Eierlegen und Hennen ausbrüten und noch mehr Eier legen, dann würde sein Volk unermesslich groß werden, es würde sich zum Hühnervolk aller Hühnervölker entwickeln. Und er als Hahn würde eine Bedeutung erlangen, von der andere Hähne nur träumen konnten, er würde berühmt werden weit über die Grenzen des Maschendrahts hinaus, bis ans Ende der Welt würde man seinen Namen kennen. Wahrscheinlich sogar bis zur Mauer, die den Bauernhof zur Straße abgrenzte.

Der Bauer knickte das Blatt sorgfältig in der Mitte. „Zehntausend Hennen sollen da untergebracht werden.“ Zehntausend war mit Sicherheit mehr als drei. Vor seinem inneren Auge reihte Gustav alle diese Hennen in einer sauberen Linie auf. Eine Henne und dann noch eine und noch eine und unendlich so weiter. Drei und dann noch mal drei und dann noch mal und noch mal. Dabei wurde ihm so schwindelig, dass die Frühstückskörner in seinem Magen herumrollten und er fast von den Krallen gekippt wäre.

Der Bauer schlug das Blatt um. „Bis zur Decke wird der Stall voll gestopft.“ Mit dem Finger zeichnete er Linien in den Sand, die sich an den Ecken schnitten. „Ein Quadratmeter. Neun Hennen.“ Der Zeigefinger des Bauern bohrte Löcher in den Boden. Eins für jede Henne. Drei und drei und drei. Dicht nebeneinander.

Gustav schüttelte den Kopf. Die hockten sich ja hoffnungslos gegenseitig auf den Krallen. Da blieb für ihn ja überhaupt kein Platz, da passte er als Hahn doch gar nicht mehr dazwischen! Er war davon ausgegangen, dass all diese Hennen gemütlich bei ihm im Hühnerhaus wohnen sollten. Wofür der Bauer, so hatte er gedacht, vielleicht sogar eine zweite Schlafstange einbauen würde. Aber so -

„So wird es kommen, wenn ich den Hof aufgeben muss.“ Der Bauer drehte die Zeitung um. Auf der Rückseite war eine Art Putzlappen abgebildet. Daran war ein einziges Hühnerbein befestigt. Am anderen Ende des Lappens konnte Gustav mit Mühe die Reste eines zerfledderten Kamms und eines abgeschnittenen Schnabels erkennen. Keine einzige Feder. Und auch nur ein Auge.

Sollte das jemals ein Huhn gewesen sein? Der Gedanke an den Spaß mit den zehntausend Hennen, dieser Gedanke krachte auf den Boden und zerbrach wie ein Ei, dessen Inhalt ausfloss, sich auf der Erde verteilte und dort eintrocknete.

Also würde es wohl bei den dreien bleiben. Bei Sigrun, die nichts Besseres zu tun hatte, als den Hof aufzuräumen und Gustav herumzukommandieren. Bei Veronika, die den ganzen Tag im Baum hockte und an ihre alte Heimat dachte. Und bei Hanna Krüperhenne. Die mal wieder mit abwesendem Gesichtsausdruck im Sandbad saß und ihre Körner bewachte. Keine der drei hatte auch nur das geringste Interesse am Eierlegen oder Brüten. Sie produzierten ja noch nicht einmal genug für den Bauern – ganz zu schweigen von einem Überschuss! Auf sein richtig großes Hühnervolk konnte Gustav wohl noch lange warten.


5. Kapitel

 

Folge 5.1

 

„Wenn wir nicht langsam anfangen, uns um die Legeleistung zu kümmern,

 

ist unser Hühnerhof am Ende. Wisst ihr, was das bedeutet?“ Sigrun runzelte die Borstenfedern in einer Weise, die Gustav gar nicht mochte.

„Konkurs natürlich!“, rief Veronika.

Hanna hob den linken Flügel und kratzte sich mit einer Kralle unter der Achsel. „Du weißt ja nicht mal, was ein Konkurs ist. Aber blöde Bemerkungen machen.“

Gustav wusste auch nicht, was ein Konkurs war. Aber das würde er natürlich niemals zugeben.

„Eine total ansteckende Seuche“, rief Veronika. „Rote Pusteln unter allen Federn, juckt wie verrückt und innerhalb einer Woche fällst du tot um.“

„Du hast echt keine Ahnung.“ Hanna hörte auf zu kratzen.

„Erklär doch mal“, sagte Sigrun. „Damit es endlich sämtliche Hä - Mitglieder unseres Volkes verstehen.“

Hanna seufzte. „Konkurs ist meinem vorigen Bauern passiert. Kein Geld mehr, kein Futter, nichts.“

„Auch du dickes Ei!“, sagte Sigrun.

„Haus und Land mussten weg“, fuhr Hanna fort. „Der ganze Hof. Auch wir. So bin ich auf dem Hühnermarkt gelandet. Kennt ihr das nicht? Wie seid ihr denn alle hergekommen?“

„Ich bin direkt von privat an privat verkauft worden“, sagte Sigrun. „Von meinem vorigen Bauern an diesen Bauern.“

„Und ich war schon immer hier.“ Gustav hob die Flügel. Wieso wusste Hanna das nicht? „Vor mir mein Vater Michael der Erste und Besondere, davor mein Großvater Manfred der Allererste und Spezielle. Und jetzt ich. Gustav der Einzig Echte.“

„Mit Vogel-V“, sagte Sigrun.

Gustav warf ihr einen warnenden Blick zu.

„Mein damaliger Bauer“, sagte Hanna, „kam in den Hühnerhof und brachte uns das Frühstück. Deswegen sind wir alle hingerannt. Er aber hat blitzschnell zugegriffen, mich an den Beinen gepackt und in einen Karton gestopft.“

„Einen Karton?“, fragte Veronika mit ungewohnt leiser Stimme.

„Da war es eng drin“, sagte Hanna. „Und dunkel. Wir haben uns ständig gegenseitig auf die Krallen getreten.“

Veronika sah schon vom bloßen Zuhören ganz krank aus.

„Dann wurden wir herumgefahren und irgendwann hat der Bauer uns rausgeholt und in einen Käfig gesetzt. Viele Menschen gingen an uns vorbei und haben uns angeschaut.“

„Du warst also berühmt.“ Gustav versuchte, sich vorzustellen, er selbst sei auf diese Weise ausgestellt und von allen Seiten bewundert worden.

„Also das weiß ich nicht“, meinte Hanna. „Wohl eher ein bisschen eingeengt. Und als Nachbarn hat man halt anderes Geflügel. Enten zum Beispiel. Fremdlinge.“

„Du diskriminierst schon wieder“, sagte Veronika tonlos.

„Enten sind nun einmal keine Hühner“, sagte Hanna.

„Und die anderen Hennen aus deinem Volk?“ Veronikas Gesichtsfedern waren ganz blass.

„Die sind verschwunden. Jemand hat sie aus dem Käfig genommen und weg waren sie.“

Veronika trippelte hin und her und piepte dabei.

„Nebenan saß eine ganze Gruppe zusammen“, sagte Hanna. „Erst waren sie ja noch ganz glücklich und haben miteinander gekuschelt. Aber dann wurden die Hennen eine nach der anderen herausgeholt und nachher war der Hahn allein.“

„Was?“, rief Gustav. „Das geht doch gar nicht! Ein Hahn gehört doch zu seinen Hennen!“

Die junge Luise
Die junge Luise

„Der Käufer hat gesagt, dass er den Hahn nicht gebrauchen könne. Schade, meinte der Verkäufer, es sei ein guter Hahn, es täte ihm leid, wenn der in den Topf müsse.“

„In den Topf?“ Gustav plusterte sich auf. „Wie bitte?“

„Waren Krüperhennen sehr begehrt?“, fragte Sigrun.

„Die Menschen können ja die Rassen teilweise überhaupt nicht unterscheiden.“ Hanna seufzte. „Deine Eier werden dir weggenommen und oben auf deinen Käfig gelegt. So kann jeder erkennen, was du produzierst.“

„Sind denn die inneren Werte gar nicht wichtig?“, fragte Gustav. „Und das Aussehen?“ Er strich sich über den Kamm.

„Die Menschen haben alle nur nach der Legeleistung gefragt“, sagte Hanna.

„Aber das ist ja furchtbar!“, schrie Veronika. „Hennen in Kartons, eingesperrt, weggebracht, ganze Hühnervölker auseinandergerissen! Hähne geschlachtet und aufgegessen!“

„Nun beruhige dich mal“, sagte Sigrun.

„Hennen weg, tot, alles vorbei!“, kreischte Veronika.

„Noch ist es nicht so weit“, sagte Sigrun.

„Und dann der Geruch von gebratenen Hähnchen in der Halle!“, sagte Hanna.

„Dankeschön, Hanna“, sagte Sigrun.


Folge 5.2

 

Gustav fühlte sich, als ob er zum Frühstück Steine statt Körner gepickt hätte.

 

Die jetzt unbedingt wieder aus seinem Magen herauswollten. Auf ganz und gar nicht normalem Weg. In diesem Augenblick kam ihm ein Verdacht. Es war doch merkwürdig, dass sein Volk ausgerechnet jetzt vom Konkurs bedroht wurde. Nachdem dieser Virtuell gekommen war. Hatte der sich hier etwa federführend eingemischt? Er musste ihm wirklich dringend mal auf den Schnabel fühlen. Diesem Verräter!

Mehr Eier. Mehr Eier mehr Eier mehr Eier! Plus die Arbeit an diesem Misthaufen, die noch getan werden musste. Sigrun betrachtete den Berg aus verschiedensten Materialien, den der Bauer im Hühnerhof aufgehäuft hatte.  Sie seufzte. Dies war nur eine der vielen Aufgaben, die die Hühner im Auftrag des Bauern zu erledigen hatten: Ordnung schaffen, wo Durcheinander herrschte. Der Mann besaß ja keine Krallen und konnte daher auch nicht scharren.

Natürlich war die Bearbeitung des Misthaufens eine sehr zeitintensive Dienstleistung, die andererseits aber auch ihre Vorteile hatte. Denn die Geduld der Hühner brachte oft so einiges an Wertgegenständen zu Tage, die Hanna immer sorgfältig zählte und katalogisierte, bevor sie der allgemeinen Nutzung zugeführt wurden. Getreide natürlich, Würmer, Insekten, Spinnen, Schnecken, Maiskörner, Brotkrumen. Man musste nur scharren und suchen, dann öffnete sich eine Welt der Überraschungen. Sigrun und die anderen hatten schon Bindfäden, Zwiebelbeutel, Glaskugeln, Metallteile, Sägespäne, Kaffeetassen, Schuhsohlen, Wecker und sogar Telefonbücher im Mist gefunden.

Wer wusste, was es heute darin zu entdecken gab. Immerhin hatte der Bauer einen so hohen Berg aufgehäuft, dass Sigrun den Kopf weit zurücklegen musste, um ganz hinaufzuschauen. Au! Der Schmerz schoss ihr vom Nacken aus über den Rücken bis in die Flügel hinein, ganz bis in die Spitzen. Und der Hals war so steif! Sigrun holte tief Luft. Dazu der Schwindel. Als ob sie gleich von den Krallen kippen würde.

Sie schloss die Augen und drehte vorsichtig den Kopf von links nach rechts. Und dann wieder von rechts nach links. Langsam ließen die Schmerzen nach. Sie öffnete ihre Augen und reckte sich. Jetzt aber ran an die Arbeit! Denn dadurch, dass man ihn anstarrte, wurde der Misthaufen echt nicht kleiner. Vorsichtig stieg Sigrun eine Hühnerschrittlänge auf den Berg hinauf. Sofort war ihr schwindelig.

Auf dem Dach des benachbarten Hühnerhauses dehnte Virtuoso langsam sein linkes Bein. Dann setzte er es ab und streckte das rechte. Seine Federn wehten im Wind. Er hielt den Kopf schräg, äugte nacheinander in alle Richtungen und zwinkerte Sigrun zu. Weg war der Schwindel. Virtuoso besaß so eine wunderschöne Befiederung am Bein. Seine Federn glänzten elegant blau-schwarz. Unter seinem bunten Oberkleid trug er ein passendes dunkles Hemd. Aber natürlich gehörte es sich nicht, hier das Untergefieder fremder Hähne zu bewundern, während sich der eigene Gustav auf das Mittagskrähen vorbereitete. 


Folge 5.3

 

„Bum, bum, bum, bumm“, summte Virtuoso.

 

Natürlich konnte Gustav es nicht lassen. „Ein ehrlicher und gut gemeinter Versuch, aber leider vollkommen fehlgeschlagen“, rief er. „Bei weitem nicht die gleiche Qualitätsklasse wie mein eigener Krähruf!“

Virtuoso stimmte das A an.

Gustav kletterte auf sein Hühnerhaus hinauf. Zögernd setzte er Kralle vor Kralle, bis er den First erreichte. Dort kippelte er ein wenig herum. Dann atmete er tief durch und blies dabei die Brust auf. „Wollen mir mal abwarten“, rief er Sigrun zu, „womit dieser Virtuell uns heute wieder beschallt! Was immer es ist, ich krähe auf jeden Fall lauter.“

„Der Hennenfänger bin ich ja“, begann Virtuoso, „stets lustig, heißa hoppsassa! Ich Hennenfänger bin bekannt bei Alt und Jung im ganzen Land.“ Fröhlich schwangen sich seine Töne in die Luft.

Gustav wartete nicht ab, sondern schrie seinem Widersacher mitten hinein in sein Lied.

„Üüü.“

„Weiß mit dem Locken umzugeh´n“, fuhr Virtuoso fort, „und mich aufs Pfeifen zu versteh´n. Drum kann ich froh und lustig sein, denn alle Hennen sind ja mein!“

„Ü-ü-ü-üüü“, rief Gustav.

„Der Hennenfänger bin ich ja, stets lustig, heißa hoppsassa!“ Weich tänzelte die Melodie um Sigruns Ohren.

Virtuoso
Virtuoso

Gustav schrie lauter. „Üh-üh-üh-üüüüü!“

„Ein Netz für Hennen möchte ich“, sang Virtuoso. „Ich fing sie dutzendweis´ für mich. Dann sperrte ich sie bei mir ein, und alle Hennen wären mein!“ Virtuoso unterbrach seinen Gesang und peilte Gustav schräg an. Er schien auf dessen Intermezzo zu warten.

„Äh-äh-ü-ü-üüüüü!“, brüllte Gustav.

„Wenn alle Hennen wären mein, so tauschte ich brav Futter ein. Die, welche mir am liebsten wär´, der gäb´ ich gleich das Futter her.“

„Äh-äh-ü-ü-üüüüü!“

„Und küsste sie mich zärtlich dann, wär sie meine Henne und ich ihr Hahn.“ 

„Üh“, japste Gustav.

„Heißa“, keuchte Virtuoso.

„Äh“, röchelte Gustav.

„Hopsassa“, schnaufte Virtuoso.

„Kr“, sagte Gustav.

Gustav
Gustav

„Schnork“, endete Virtuoso und setzte seinen Schnabel auf dem First auf.

Der Bauer hielt den Gartenschlauch in der Hand und zielte mit dessen Öffnung auf Virtuoso. Offensichtlich wusste er dessen Gesang nicht so recht zu würdigen.

Gustavs Schnabel lag auf seinen Kehllappen. Er blinzelte noch nicht einmal, als Sigrun ihn laut angackerte.

Virtuoso verbeugte sich tropfend.

Der Bauer legte den Schlauch auf den Boden, schaltete das Wasser ab, holte seinen Eiersammelkorb und verschwand in Virtuosos Hühnerhaus. Sigrun hielt die Luft an. Legten die Nachbarhennen etwa mehr als ihr eigenes Volk? War ihre Produktion besser? Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Als der Bauer wieder erschien, baumelte an seiner Hand der Eiersammelkorb. In dem es weiß schimmerte. Sigruns Bauch krampfte sich zusammen.

 


Folg 5.4

 

Vor der Sonne tanzte ein schwarzer Fleck,

 

der schnell größer wurde. Ein Schatten sprang über den Boden, hin und her, hierhin und dorthin. Der Habicht! Sigrun wollte flüchten, aber die Beine gehorchten ihr nicht. Um die Flügel des Raubvogels herum leuchtete es wie Feuer. Dann tauchte er ab und drehte dabei seine Fahrtwindsirene auf. Die Todestrompete, die das Opfer lähmte.

Wo war Virtuoso? Mit seinem Gesang? Schon war der Schatten vor ihr. Zu spät für die Flucht! Zu spät! Sigrun pumpte sich voll Luft und machte sich groß. Auf den Krallenspitzen stehen konnte sie nicht, aber sie reckte sich so hoch wie möglich. Da war er. Seine gelben Augen mit den schwarzen Pupillen peilten sie genau an. Ein gemeiner flacher Kopf. Quer, schwarz und bedrohlich die Mundöffnung. Senkrecht in der Mitte, zwischen den breiten Backen, der Schnabel mit der scharfen Spitze. Die Waffe für den Hühnertod.

Der Habicht hatte sie schon fast -  Sigrun duckte sich, warf sich flach auf den Boden und kniff die Augen zu. Der Fahrtwind des Raubvogels strich über ihren Rücken hinweg und sie meinte, auch schon das Hacken seines Schnabels zu fühlen.

Aber nichts geschah. Sie öffnete die Augen. Über ihr stieg der Habicht auf, wurde kleiner und verlor sich schließlich als Punkt am Himmel. Gustav schüttelte den Kopf. Wieder eine Chance verpasst! Dabei wäre es so leicht gewesen, die Gelegenheit zu nutzen und sich bei dieser letzten Habichtattacke als Held zu profilieren. Insbesondere, da Virtuell offensichtlich von der Singerei noch immer viel zu kaputt gewesen war und sich daher diesmal nicht eingemischt hatte.

Stattdessen hatte sich Sigrun selbst gerettet. Mit einem simplen Trick. Und damit den Habicht total aus dem Konzept gebracht. Das hätte Gustav ihr nicht zugetraut. Einem anderen Hahn, naja, vielleicht. Aber einer Henne? Er selbst war so verdattert gewesen, dass er nicht schnell genug reagieren konnte. Dabei wollte er sich doch so gern vor allen beweisen. Sie so beeindrucken, dass sie nie wieder auf die Idee kamen, diesem Virtuell auch nur einen einzigen Blick zu gönnen. Die einzige andere Möglichkeit bestand darin, sich mit dem Kräher zu duellieren. Und damit ein für allemal zu demonstrieren, wer hier der Hahn im Hof war.

Dazu würde Gustav allerdings seinen eigenen Hühnerhof verlassen müssen. Einen Weg finden über den Zaun hinweg oder durch den Zaun hindurch. Leider war er sehr hoch, dieser Zaun. Zu hoch. So viel immerhin hatte er bei seiner ersten Exkursion neulich herausgefunden. Langsam schritt er am Draht entlang und pickte ihn probeweise hier und dort an. Unten war das Geflecht sehr stabil befestigt. Anscheinend hatte der Bauer einen zusätzlichen Draht hindurchgezogen. Einen richtig festen. Und zwar so dicht über dem Boden, dass kein Schweizer Hahn darunter hindurchkriechen konnte.

Am Ende seiner Prüfstrecke fand Gustav ein Schild. E und G stand darauf. Dazu noch einige Kleinbuchstaben. „Euro-Geflügelnetz“, erklärte Hanna auf Nachfrage. „Bodenlitze verstärkt. Alle Maschenkreuzpunkte mit Kunststoffplombe verschweißt.“ Sie schüttelte den Kopf. Das hörte sich heftig an. Nach „undurchdringlich“ und nach „zu fest, um sich mit einem Hahnenschnabel öffnen zu lassen.“ Und nach „vergiss es gleich ganz.“

Die einzige Stelle, die der Bauer nicht in dieser Weise verstärkt hatte, fand sich überraschenderweise hinter dem Hühnerhaus. In der unauffälligen Nordwestecke zwischen dem Grenzzaun zu Virtuosos Gelände und dem Außenbereich. An diese dunkle Nische hatte Gustav bisher überhaupt nicht gedacht. Aber als er davor stand, wusste er sofort, dass es der richtige Platz war. Wo er nämlich bei seiner Arbeit, beim Aufhacken einer Öffnung, nicht nur den Blicken des Bauern, sondern auch Sigruns Überwachung entzogen war. 



Folge 5.5

 

Nachts arbeitete Gustav am Maschendrahtzaun.

 

Die Hennen schliefen ja und merkten nichts. Außerdem beutelte der Wind die Bäume und Sträucher und rüttelte am Hühnerhaus. In diesem Lärm würde das Geräusch seiner Hacktätigkeit zweifellos untergehen, selbst wenn eine von ihnen zwischenzeitlich wach wurde. Inzwischen war er schon ziemlich weit vorangekommen. Wenn er noch diesen letzten Draht knacken konnte, war die Sache geschafft. Nur schade, dass sein Vater das nicht mehr erlebte. Michael der Erste hätte ihn zweifellos gelobt und als seinen würdigen Sohn bezeichnet. Und vielleicht sogar seinen Flügel auf Gustavs Schulter gelegt. Aber daraus würde nichts werden, denn Michael war fort.

Michael war –

Gustav zuckte zusammen. Unmittelbar vor ihm, hinter dem Zaun, stand der Federlose. Seine Silhouette hob sich scharf vom Nachthimmel ab. „Hallo!“, rief der Mann, während der Wind versuchte, ihm das Wort vom Mund wegzuwehen. Gustav krähte. Natürlich konnte der Mensch ihn nicht verstehen.

„Hab keine Angst vor mir!“, rief der Federlose. „Du bist doch so ein schöner Hahn!“ Natürlich war Gustav ein schöner Hahn. Der schönste Hahn, den es gab! „Dich kann ich gut gebrauchen!“ Gebrauchen? Wozu? Für den Topf etwa? Gustav wich einen Schritt zurück. „Du kannst mein Modell werden. Mein Werbehahn.“ Der Federlose grinste. Gustav wich noch einen Schritt zurück. „Wenn du mit mir kommst, lasse ich dich fotografieren. Professionell. Mit allem drum und dran.“ Gustav reckte den Hals. „Dein Porträt wird in allen Zeitungen erscheinen,“ fuhr der Federlose fort. „Richtig groß und in Farbe. Als Reklame für meine Hennenzucht.“

Gustav schluckte. Er wusste genau, was der Federlose beabsichtigte. Er würde den Hühnern ihren Hof wegnehmen. Das Volk auseinander reißen. Das Leben, so wie Gustav es kannte, würde es nicht mehr geben. Er selbst würde berühmt werden, aber sein Volk wäre nicht mehr da. Die Nase des Federlosen vibrierte. Der breite Mund darunter war zusammengepresst und von senkrechten Falten durchzogen. Gustav kannte das vom Bauern, der immer dann so aussah, wenn der Trecker nicht anspringen wollte. Wenn er ihn wieder und wieder vergeblich husten und röcheln ließ und das Lebensgeräusch der Maschine immer wieder neu erstickte.

Die Schultern des Federlosen zuckten. Sein Bauch hob und senkte sich. Unter den Wangenknochen spielten die Muskeln. Am liebsten wäre Gustav weggerannt. Seine Beine wollten sich ganz von selbst in Bewegung setzen. Hätte er sich nicht mit aller Kraft darauf konzentriert, stehen zu bleiben, wäre sein Körper ganz ohne sein Zutun davon gelaufen. Von hinten brauste ihm der Wind ins Gefieder und rüttelte an ihm herum. Mit immer mehr Gewalt schob und zog er an Gustav. Eine seitliche Bö hätte ihn fast umgefegt. Er presste beide Flügel an den Körper. Seinen Blick hielt er fest auf die Augen des Federlosen gerichtet.

Der Mann beugte sich vornüber und langte über den Maschendraht hinweg in den Hühnerauslauf hinein, als wolle er Gustav packen. Gustav reckte sich und drohte. Vor seinem inneren Auge war alles rot. Rot wie sein Rosenkamm. Rot wie ein Angriff. Der Wind griff ihn, hob ihn ab und warf ihn vorwärts. Gustav schlug mit den Flügeln, krümmte die Zehen und zog seine Krallen durch das Gesicht des Federlosen. Der Mann hielt sich die Hände vor die Augen und schrie. Er schrie so laut und so lange, dass die Hennen aus dem Hühnerhaus gerannt kamen und der Bauer aus seinem Bauernhaus.

Alle gackerten durcheinander. Und natürlich konnte sich auch dieser Virtuell mal wieder nicht zurückhalten. Er stieg auf sein Haus und wackelte da mit seinem unvollständigen Kamm herum.

„Triumph! Triumph! Sie ist vollbracht, die Heldentat“, sang er. Der Federlose hatte zwei blutige Kratzer im Gesicht, so dick und rot, dass sie selbst im Dunkeln zu erkennen waren. Gustav aber stand breitbeinig mitten in seinem Hühnerhof, reckte den Hals, pumpte die Brust auf und ließ sich von allen Seiten begackern und besingen.

 

Und so unterhaltsam geht es weiter bis Seite 236!


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