Ein Hühner-Auslauf –

 

der Hühner glücklich macht!

 

Alois Münst

Quelle: Chabo-Rundblick

 

Teil 1

Es muss nicht immer Rasen sein!

2009 wurde eine erstaunliche Meldung aus der Universität Bochum in die Welt hinaus geblasen. Der im Gehirn von Hühnern gemessene Stress sei bei Freilandhaltung größer, als bei Artgenossen in Käfighaltung. Diese Befunde sprechen deutlich gegen das glückliche Huhn auf der Wiese, wird sogar in einem Bericht aus dem wissenschaftlichen Geflügelhof befunden. Ich frage mich ernsthaft, wird da ein Befund absichtlich falsch interpretiert? Handelt es sich, wieder einmal um ein Gefälligkeitsgutachten für die Wirtschaftsgeflügelzucht?  Denn eines ist sicher, mit dieser Messmethode lässt sich gleichfalls beweisen, dass Strafgefangene glücklicher sind, als nicht inhaftierte Menschen. Im Gehirn von Strafgefangenen, die Jahre lang vor sich hin dämmern, bei absoluter Vollversorgung dürfte zweifellos weniger messbarer Stress nachzuweisen sein, wie bei einem vergleichbaren Menschen  in Freiheit, der dem täglichen Überlebenskampf ausgesetzt ist.

 

Einmal mehr wird deutlich, wie wichtig es ist, zu verstehen, was unsere Hühner glücklich macht. Wir müssen uns mit dem Leben der Bankiva-Hühner, von denen unsere Rassehühner abstammen, vertraut machen. Auch wenn der Mensch hunderte Hühnerrassen erzüchtet hat, die wesentlichen Überlebensstrategien der Wildhühner sind in unseren Rassehühnern verschüttet vorhanden. Auch wenn man bei überzüchteten, unbeholfenen Rassen daran zweifeln könnte. Unsere Wildhühner sind, und waren noch nie, Bewohner offenen Geländes. Der Gehölz-Saum ist, neben dem geschlossenen Wald, Aufenthaltsort und Lebensraum. Punkt, aus! Und so gesehen kann man verstehen, in welche Panik, in welches Entsetzen Hühner geraten müssen, in einem deckungslosen Auslauf ohne Versteckmöglichkeit, wenn plötzlich ein Greifvogel auftaucht. Kaum besser dran sind Hühner, was den Stress betrifft,  in einer kahlen Voliere. Wenn ich in meine Zuchtanlage komme und alle Zwerghühner und Tauben sind in den Stall geflüchtet, dann haben Habicht, Sperber und Co einen Hausbesuch abgestattet, sich nach einem leckeren Essen umgeschaut. Die Tiere flüchten entsetzt in den Stall oder in Schutz bietendes Grünzeug.

 

 

Könnten sie aber logisch denken, dann würden sie in der Voliere hocken, den Krummschnäbeln eine gestreckte Mittelzehe zeigen, weil sie in ihrer Voliere nun mal absolut sicher sind. Nach der Zuchtzeit bevölkern meine Zwerghühner, Chabo und Zwerg-Cochin meinen 10 000 m² großen Garten, Hanglage im Außenbereich, drei Seiten Wald und nur nach Süden offen. Ständige Habicht-Attacken würden ein solches Gartengelände zur Hölle für meine Hühner machen, den Bestand an Hühner bald zum Erlöschen bringen. Schnell wurde mir klar, ich musste mit einer durchdachten Bepflanzung des Grundstücks das Überleben des Geflügels sichern.  Ein Folien-Gewächshaus, das zur Überwinterung exotischer  Pflanzen dient und ein Stall treten an die Stelle des Schutz bietenden Waldes, mein restlicher, üppig bepflanzter Garten stellt den Waldrand dar.

 

Teil 2

 

 

Bambus,

ideal für die Strukturierung des Hühnerauslaufs

 

Mein Faible für den immergrünen Bambus vereinfacht die Angelegen-heit, stärkt die Schutzbildung für die Hühner. Die problemlosen, horstig wachsenden und anspruchslosen Bambuspflanzen der Gattung  „Fargesia“, bei denen die Halme sehr eng stehen, sind als Schutz vor Greifvögeln absolut ungeeignet. Als ideale Schutzpflanze hat sich bei mir die Gattung „Phyllostachys“ bewährt, die ebenfalls wintergrün und in vielen Sorten im Handel ist. Grüne, gelbe, schwarze und zweifarbige Halme bieten vielfache Gestaltungsmöglich-keiten, Halmhöhen von drei bis zehn Meter ebenfalls. Dabei ist auch die Dicke der Halme nicht uninteressant, von zwei bis zehn Zentimeter Durchmesser ist je nach Sorte vieles möglich. Die unterschiedliche Winterhärte ist zu beachten. Leider sind die Sorten, die von vielen Pflanzenfreunden mit den attraktivsten und  dicksten Halmen besonders geschätzt werden, meist nicht die winterhärtesten. 

 

 

Am Bambus liebe und schätze ich, dass die Pflanze wintergrün ist, dass ihre zarten, grünen Blätter im Wind flirren. Er vereint die Fröhlichkeit der Sommergrünen mit der steifen Zuverlässigkeit der Koniferen. Eine Bambusanpflanzung direkt neben meinem Folienhaus sichert meiner Hühnerschar das gefahrlose Verlassen des Nachtquartiers und bietet sogleich eine Menge an Beschäftigung, aber auch Nahrung. Im üppigen Laubmulch, Bambus erneuert permanent einen Teil seiner Blätter,  finden die Hühner eine Menge Würmer,  Kerbtiere und allerlei Ungeziefer.  Davon abgesehen, in 25 Jahren Geflügelhaltung auf meinem Gelände hat es niemals ein Greifvogel gewagt, Hühner im Bambushain anzugreifen. Auch wenn er sie, insbesondere bei meinem weißen Farbschlag, durch das lichte Blätterdach erkennt, das Risiko durch das Blätterdach nicht mehr in die Höhe flüchten zu können, ist wohl für einen Greif zu hoch.

 

Bäume und Sträucher gehören zum natürlichen Lebensraum der Hühner
Bäume und Sträucher gehören zum natürlichen Lebensraum der Hühner

 

Teil 3

 

 

In einem großen Auslauf bietet sich die Erstellung mehrerer Bambus-Inseln, die aber sinnvollerweise miteinander verbunden sein sollten, damit die Hühner nicht schutzlos offenes Gelände überqueren müssen. Hochwachsende Stauden, die es in jedem besseren Pflanzenmarkt gibt, bieten sich für diesen Zweck an. Die besten Erfahrungen habe ich mit mächtigen Hosta-Sorten (auch Funkien genannt), Rodgersien, die Orientalis-Hybriden der Christrosen (Lenzrosen), Taglilien, Aruncus (Geißbart) großen Farnen oder Eupatorium (Wasserdost, die Blätter lege ich gerne ins Trinkwasser, weil sie eine desinfizierende Wirkung haben)  gemacht. Über die ganzen Sommermonate hinweg sind die genannten Prachtstauden, (sicherlich gibt es noch einige Arten mehr) auch noch eine Augenweide für mich als Hühnerfreund. Hosta, diese wunderbaren Schatten/Halbschatten-Pflanzen sollten nicht zu nah an den Übernachtungsraum gepflanzt werden, weil sie oft und gern von Hühnern leidenschaftlich und mit höchstem Genuss mit Stumpf und Stiel verspeist werden, insbesondere wenn die Hühnchen beim Verlassen des Nachtquartiers  zuerst auf diese Stauden treffen. Der Heißhunger der Hühnchen über Nacht auf Grünzeug ist offensichtlich so groß, dass in absoluter Stallnähe sogar die hartfaserigen Montbretien, Zierlauch, abgeblühte Tulpen oder Buschwindröschen restlos aufgefressen werden.

Nun könnten Sie, verehrter Leser sagen, meinen Hühnern genügt auch ein grüner Rasen. Sicher, aber die Schutzfunktion der Stauden ist nicht unwichtig und das Nahrungsangebot ist hoch. Auch weil manche Stauden, denken wir an die Hosta, die Schnecken förmlich anzieht. Die Anschaffung  von einer größeren Anzahl an Stauden  wird natürlich Kosten verursachen, richtig. Aber viele der angeführten Stauden können wir selbst anziehen, teilweise sähen sie sich selbst und willig aus. Vielleicht hat der eine oder andere Geflügelzüchter eine züchterische Ader auch für die Flora und findet in dieser Nachzucht, beispielsweise bei Stauden, eine interessante Blattform und besondere Blüte als weiteren Lustgewinn.

    

Kein Rasen, aber hohes Gras zum Wohlfühlen.

In meinem eigenen Garten wurde ich in den vergangenen fünf  bis acht Jahren fast gänzlich der wichtigsten Pflanze für den Hühnerauslauf beraubt, ich meine den Buchsbaum (Buxus). Wenn bei mir eine Chabo-Henne abends nicht im Stall sitzt, dann brütet sie in einem Versteck ihre angesammelt Eier aus und fast immer befindet sich das Nest unter einem Buxus. Wie viele Leser aber schon wissen werden, haben der Buchsbaum-Zünsler und ein Bakterium (Cylindrocladium) eine riesige Schneise in den europäischen Buchsbaumbestand geschlagen. Der aus Asien , in Holzpaletten eingeschleppte Zünsler, frisst die Pflanzen kahl und bisher hat zumindest in Deutschland  noch kein Vogel ihn als Nahrungsquelle entdeckt.

 

 

Da könnte sich für die Hühner noch ein Betätigungsfeld bieten. In meinem großen Bestand an Buchsbäumen haben sich die asiatischen Buxus-Sorten (Buxus microphylla) und Auslesen gegen das Bakterium (Pilz) relativ unempfindlich gezeigt, während der auch in Deutschland heimische Buxus sempervirens in Massen vernichtet wurde.  Lediglich die stark wüchsige, bis zu acht Meter hoch werdende Sorte  „Bullata“  ist bei mir erfreulicherweise noch nicht tangiert. Vielleicht liegt es an seinem großen, derben Blatt.  

 

Teil 4

 

Auch Nadelbäume bieten Schutz, Foto: Andre Mißbach
Auch Nadelbäume bieten Schutz, Foto: Andre Mißbach

 

Bis jetzt habe ich die Bepflanzung eines Hühnerauslaufes nur unter dem Sicherheitsaspekt der Zwerghühner vor Greifvogelübergriffen betrachtet.  Im Gemüsegarten zu groß und üppig gewordene Kräuter-Pflanzen können im Hühnerauslauf angesiedelt werden und leisten als „Apotheke-Gottes“ einen Betrag zur Gesunderhaltung unseres Geflügels. Ich denke an Schnittlauch, Estragon, Bohnenkraut, Thymian, Portulak, Bärlauch, Knoblauch, Majoran/Oregano und einige mehr. Und bitte: keine Angst vor Giftpflanzen! An Rhododendron, ein ganz wundervoller, äußerst brauchbarer Strauch mit besten Versteckmöglichkeiten, der sauren Boden braucht, Eibe  und Buchsbaum hat sicher noch kein Huhn Schaden genommen, gleichwohl alle als giftig eingestuft werden. Um einen Menschen beispielsweise mit  Eibennadeln zu vergiften, müsste er 1,5 kg Nadeln verzehren. Ich würde ketzerisch von natürlicher Auslese sprechen, wenn ein Mensch so etwas fertig bringt. 

Foto: Michael von Lüttwitzt
Foto: Michael von Lüttwitzt

 

Blieben als weitere Gestaltungs-möglichkeit Obstbäume, wie Zwetschken, Kirschen, Birnen, Äpfeln, Maulbeerbäumen, Ebereschen und die so schöne und früh blühende Kornelkirsche (Cornus mas).  Alle Früchte können unserem Geflügel anheim fallen. Allerdings würde ich nicht auf Hochstämme setzten. Man muss Fressfeinden der Hühner nicht unbedingt einen Ansitz bieten. Es gibt heute viele klein bleibende Formen, zudem könnte eine regulierende Baumsäge zum Einsatz kommen.

 

 

Unter den vielen Blüten-Sträuchern, mit deren Blütenpracht wir unsere Augen füttern können, gibt es eine nicht geringe Anzahl, die den Hühnern auch noch wertvolle Früchte liefern. Denken wir an den Feuerdorn, mit seiner Beerenpracht in Gelb und Orange und an die ekelhaften, spitzen Dornen, die sie zur idealen Pflanze für die Grundstücksgrenze ausweisen. Sanddorn ist ebenfalls eine wehrhafte Pflanze mit wertvollen Beeren. Brombeeren, die man einfach unaufgebunden kultivieren kann, sind recht nützlich. Und dann ist die Johannisbeere nicht zu vergessen und steht bei den Hühnern hoch im Kurs. Im Verband gepflanzt bieten sie besten Unterschlupf, sind gute Schattenspender und bieten wertvolle Nahrung. Zudem sorgen sie für sportliche Betätigung unserer Hühner, weil sie die Beute oft im Sprung erlegen, egal ob es sich um rot-, weiß- oder schwarzfrüchtige Beeren handelt. Besonders die Rotfrüchtigen sind geschätzt und wenn man mehrere Sorten mit unterschiedlicher Reifezeit pflanzt, dann sind die Hühner über Wochen hinweg versorgt.  Hühner und erst recht Wildtauben scheinen eine Vorliebe für rote Früchte zu besitzen. Zieräpfel, Berberitzen und Mahonien, mit dem blauen Beerenschmuck sind sehr brauchbar und bieten allesamt Beeren-Nahrung.

 

Vor allem Küken suchen Schutz im Bewuchs, Foto: Petra Engelhardt
Vor allem Küken suchen Schutz im Bewuchs, Foto: Petra Engelhardt

Aber ganz besonders lege ich allen Geflügelhaltern unseren Holunder ans Herz. Wer zählt die Wunder alle dieses Bäumchens wohl – die Rinde, Beere, Blatt und Blüte, jeder Teil ist Kraft und Güte, alles an ihm ist segensvoll, so eine überschwängliche Lobeshymne las ich schon.   Zudem gibt es ihn inzwischen in begeisternd schönen Blattfarben, wie in gelben, roten und verschiedenen panaschierten und zudem fein geschlitzte, filigrane Blätter, wie man es vom etwas grobschlächtigen Holunder nie und nimmer erwartet hätte. Diese Sorten können wir durchaus zu den Ziersträuchern zählen. Holunder wächst schnell, seine schön strukturierte Rinde dicker Äste, ist sehenswert. Er ist langlebig und regenerationsfähig. Blüten und Beeren werden vom Menschen seit Jahrhunderten sehr geschätzt und medizinal genutzt. Eine echte Kultpflanze, die sich in früheren Zeiten dem Menschen eng angeschlossen hat und oft als Zeigerpflanze für fetten, fruchtbaren Boden gilt. Und dass Hühner den Beeren auch sehr zugetan sind, verwundert nicht und dürfte ihr Schaden nicht sein. Und keine Angst, im Gegensatz zum Menschen, hat Geflügel keine Probleme mit rohen Holunder-Beeren.  

 

Hier lässt es sich gut leben, Foto: Chabo-Archiv
Hier lässt es sich gut leben, Foto: Chabo-Archiv

Dies alles soll nur eine Anregung sein, Geflügelausläufe, aber auch Volieren, beides Lebensräume unserer Hühner, sinnvoll, spannend, nützlich und ästhetisch zu gestalten, sicherlich zur Freude und zum Wohlbefinden unserer gefiederten Freunde.

                                                                                                                  Alois Münst